Vollständige Version anzeigen : Den anderen auffangen, selbst aufgefangen werden?
pierre10
13.06.2009, 09:42
Wir haben im Moment einen Trauerfall in unserem nächsten Umfeld, aber außerhalb der Familie. So haben wir uns bemüht, die junge Frau, deren Mutter starb aufzufangen, ihr zu helfen mit den seelischen Problemen des Verlustes der Mutter umzugehen.
Es stellt sich die Frage, wie wir andere auffangen können in einer Krise? Gleich ob es Probleme mit den Kindern, dem Partner oder den Eltern, auch den Arbeitskollegen gibt. Ist es nur der Trost, oder auch andere Form der Hilfe?
Pierre
Habe das posting als Frage nach Gedanken aufgefasst - hier einige von mir:
-- anbieten bei den technischen Beerdigungsfragen zu helfen, vielleicht das Mädel dorthin begleiten
-- direkt: Wärme! Decke über die Beine oder die Wärmflasche für den Bauch - eine leichte aber schön warme Mahlzeit. Verlassenheit hat mE auch viel mit dem physischen Empfinden von Kälte zu tun.
-- allfälliges ohne große Worte abnehmen: Der Müll, der raus muss, offensichtliche kleinere Rechnungen usw.
-- das Gefühl vermitteln, greifbar zu sein, ohne sich aufzudrängen - einfach ein großes offenes Ohr sein
-- in den schlimmen Momenten das Häuflein Elend vom Boden aufsammeln und ins Bett bringen
ME geht es zuerst um die ganz praktischen Dinge des Alltags.
Gruß, m3we
irishmason
13.06.2009, 17:45
Ich finde das Gespräch und das Zuhören sind sehr sehr wichtig, etwas Zeit opfern um jemanden an der der Seite zu stehen.
Dann herausspüren, ob jemand konkrete Hilfe braucht.
Wir haben im Moment einen Trauerfall in unserem nächsten Umfeld, aber außerhalb der Familie. So haben wir uns bemüht, die junge Frau, deren Mutter starb aufzufangen, ihr zu helfen mit den seelischen Problemen des Verlustes der Mutter umzugehen.
Es stellt sich die Frage, wie wir andere auffangen können in einer Krise? Gleich ob es Probleme mit den Kindern, dem Partner oder den Eltern, auch den Arbeitskollegen gibt. Ist es nur der Trost, oder auch andere Form der Hilfe?
Pierre
Lieber Pierre,
ganz egoistisch gesprochen, ich bin Ihnen sehr dankbar für dieses Thema.
Ich finde, daß ich in solchen Situationen regelmäßig versage.
Deshalb ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema für mich besonders wichtig.
Das fängt damit an, daß es mir einfach nicht gelingen will natürlich zu kondolieren.
Die üblichen Formeln " Mein herzliches Beileid " klemmen im Hals. Die persönliche Betroffenheit, die ich empfinde, kann ich kaum aus drücken, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.
Dabei dürfte es an dieser Stelle überhaupt nicht um mein Problem gehen, sondern um das Problem der Anderen.
Ich denke es gibt viele Formen der Hilfe.
Mir ist es immer besonders wichtig die Situation von Kindern bei einem Sterbefall zu beachten.
Manche Erwachsenen neigen dazu mit Kindern nicht über den Tod zu sprechen.
Sie erfahren den Tod als schmerzhaftes Trennungserlebnis und glauben, daß ihr Schweigen den Kindern Schmerz und Ängste erspart.
Dieser gewünschte Effekt wird nach meiner Beobachtung aber nicht erreicht.
Wenn Erwachsene weinen, erstarren, oder Fragen umgehen, merken die Kinder das hier ein Bereich tabuisiert ist.
Dinge, über die man nicht reden kann, wirken viel bedrohlicher, als Dinge über die man alles fragen kann und Antworten bekommt.
Sehr hilfreich finde ich hier zwei Kinderbilderbücher, die nicht nur auf Kinder sehr tröstlich wirken.
" Leb wohl, lieber Dachs" und "Abschied von der kleinen Raupe"
Aber vielleicht ist das nur eine Hilfe für Nicht-Freimaurer.
Als Freimaurer hat man sich vermutlich so mit dem Thema auseinandergesetzt, daß man besonders gut mit diesen Situationen umgehen kann.
Vermutlich ist die Auseinandersetzung mit dem Tod so selbstverständlich, daß das Thema deshalb hier kaum Anklang findet.
"So schrieb Wolfgang Amadeus Mozart am 4. April 1787 nach seiner Meistererhebung, an seinen Vater Leopold, der kurz zuvor gleichfalls Freimaurer geworden war:
„Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen bekannt gemacht, dass sein Bild allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes!
Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat mir die Gelegenheit (Sie verstehen mich) zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen.“"
Für die Meisten im Forum ist eben alles klar. Wirklich schade für die Anderen!
Habe das posting als Frage nach Gedanken aufgefasst - hier einige von mir:
-- anbieten bei den technischen Beerdigungsfragen zu helfen, vielleicht das Mädel dorthin begleiten
-- direkt: Wärme! Decke über die Beine oder die Wärmflasche für den Bauch - eine leichte aber schön warme Mahlzeit. Verlassenheit hat mE auch viel mit dem physischen Empfinden von Kälte zu tun.
-- allfälliges ohne große Worte abnehmen: Der Müll, der raus muss, offensichtliche kleinere Rechnungen usw.
-- das Gefühl vermitteln, greifbar zu sein, ohne sich aufzudrängen - einfach ein großes offenes Ohr sein
-- in den schlimmen Momenten das Häuflein Elend vom Boden aufsammeln und ins Bett bringen
ME geht es zuerst um die ganz praktischen Dinge des Alltags.
Gruß, m3we
Sehr aufmerksam und praktisch gedacht!
Das ist so wie " Erste Hilfe "
Es müßte sich in manchen Fällen irgendwie noch eine Folgehilfe anschließen.
Z.B. wenn man erkennt, daß eine regelmäßige Unterstützung über einen längeren Zeitraum erforderlich ist.
Hier gerät man oft in eine Zwickmühle.
A : Man bietet seine Hilfe an, stellt nach einer Weile fest, daß man das Paket allein nicht schultern kann, und bricht die Hilfeleistung ab.
B: Man merkt, daß dieser Job nichts für eine Person ist, tut sich mit der Nachbarschaft ( oder Anderen)zusammen und verteilt die Last auf mehreren Schultern.
Das trau ich mich meistens nicht.
Ich finde das Gespräch und das Zuhören sind sehr sehr wichtig, etwas Zeit opfern um jemanden an der der Seite zu stehen.
Dann herausspüren, ob jemand konkrete Hilfe braucht.
Das Richtige herausspüren zu können ist eine große Kunst.
Mit dem richtigen Gespür gelingt es vielleicht jemand behutsam ins Alltagsleben zurückzubegleiten.
(z.B. Dinge gemeinsam unternehmen)
pierre10
18.06.2009, 03:05
Sicher haben unterschiedliche Charaktere auch verschiedene Ansätze, mit diesen Situationen umzugehen. Meine Frau und ich haben mit unserer Freundin lange, fast schweigend zusammengesessen, ihr unsere Nähe und Mitempfinden weitgehend wortlos vermittelt. Wir halten das für besser als eine Flut an Worten, die bei den Meisten kaum ankommen. Aber dies ist unsere persönliche Art und Weise.
Heute war die Beerdigung, wie in Frankreich üblich in der Kirche, nicht auf dem Friedhof. Der Priester hat sein Programm abgespielt, er begann mit Glockenschlag 10 Uhr und endete genau mit dem Schlag 11 Uhr. Gutes Timing, aber wenig Persönliches. Ist ja auch vielleicht zu viel verlangt.
Wir waren da. Nicht nur physisch, nein auch ganz persönlich.
Das schien uns wichtig.Die "Gratulationstour" mit den Beileidsbezeugungen habe ich persönlich ausgelassen, die Familie war schon gebeutelt genug.
Heute Abend war unsere Freundin zum Essen bei uns, sie konnte frei und ohne Tränen von der Mutter sprechen.
Pierre
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